Nike Wagner »Mehr Irrlicht!«

Rede zur Eröffnung der "pèlerinages" 2010

Verehrte Antje Tillmann, verehrter Herr Oberbürgermeister, verehrte Staatssekretäre, verehrte Mitglieder des Thüringer Landtages und des Weimarer Stadtrates, liebe Verwaltungsrat-Mitglieder, lieber Präsident Hellmut Seemann, lieber Prinz Michael, meine Damen und Herren,

Sie haben soeben das Klavierstück von Franz Liszt gehört, dessen Übertitel „Feux follets“ – „Irrlichter“ ich zum Motto des Kunstfestes 2010 gewählt habe.

Aber was haben wir da gehört?

Ein irreguläres perpetuum mobile, sehr schwer zu spielen, geisterhaft hüpft ein Motiv hindurch, erscheint, taucht wieder ab. Nie ist man in einer Tonart zu Hause, thematische Arbeit spielt keine Rolle, es blitzt und surrt und flimmert, als wären wir in einen Fliegen- oder Mückenschwarm geraten. Hier wird keine Geschichte mehr erzählt, wir sind in einem Verwirrspiel, einer Klangwolke, einem Klangnebel.

Warum sollen wir uns derart verunsichern und umschwirren lassen, wo ist, bitte, der Weg in die Ordnung und Klarheit, das Gefestigte, Vertraute? Ist die Welt nicht schon verwirrend genug, wird sie nicht täglich verwirrender?

„Von der Wiege bis zu Bahre“ scheint alles ein Spiel der Zufälle, guten Beziehungen oder der Ellenbogen. Ein Studium garantiert für nichts mehr. Keine Lebens-Deutung ist einhellig – die Philosophen sitzen vorrangig in Fernseh-Studios, die Kirchen leeren sich, Sektierer, Psychotherapeuten und Fitnesstrainer dominieren das Sinnsucher-Terrain. Die globale Schuldenwirtschaft hat den Einzelnen, als das freie Subjekt, das sich sein Lebensumstände schafft, so ziemlich entmündigt. Die europäische Politik scheint in Haftung genommen vom irrwitzigen Milieu der Spekulanten, Banken und Börsen und die Ungewissheit zukünftiger Wertentwicklungen schlägt auf die Gegenwart zurück. Allerorten nur Ratschläge, keine Gewißheiten, auch in der Wirtschaft herrscht eher eine „weltliche Astrologie“ vor als realistische Prognosen. Unsere Welt: eine einzige Irrlichterei, möchte man meinen, ein perpetuum mobile, dessen schwärmendem Ticken und Summen wir nicht entkommen können, aber bewältigen können wir es offenbar auch nicht.

Da will doch jeder vernünftige Mensch: mehr Licht! Mehr Klarheit, Gewißheit, Vorhersehbarkeit! „Mehr Licht!“ sollen Goethes letzte Worte, hier in Weimar, gewesen sein. Doch gerade darüber herrscht Unsicherheit, es ist ein Gerücht. In Wirklichkeit hatte Goethe „Mehr Irrlicht!“ gerufen – letzte Worte sind bekanntlich schwer zu verstehen.

Doch der Reihe nach:

Was ist ein Irrlicht? Lange glaubte die Wissenschaft, daß Irrlichter nichts anderes seien als Hirngespinste oder Verwechslungen mit anderen Leuchterscheinungen, z. B. den Glühwürmchen. Erst als ein Astronom und ein Physiker – zu Beginn des 19. Jahrhunderts - das Irrlicht beglaubigten, forschte man weiter und meinte, die blauen Flämmchen, die gelegentlich über Mooren und Sümpfen zu beobachten waren, seien auf ein spontanes Entzünden von Faulgasen zurückzuführen.

Irrlichter sind unwiderruflich in alten Sagen und Mythen zu Hause. Geboren aus Angst und Aberglaube. Die Nacht war einmal dunkel, der Weg von einem Dorf zum anderen gefährlich. Dämonische blaue Lichtlein hüpften und tanzten da ziellos hin und her, lockten den einsamen Wanderer vom Weg ab, führten ihn in die Irre, vielleicht in den Tod. Häufig erschien das Irrlicht auch auf Friedhöfen: fing man eines, so konnte es sich als Knochen oder gar als Totenschädel entpuppen. Irrlichter galten als die brennenden Seelen Verstorbener oder auch als die Seelen ungetaufter Kinder. Das war schon Martin Luther zu viel: er erklärte die Irrlichter kurzerhand zu „schwebenden Teufelchen“. Was ungerecht ist: Irrlichtern werden in der Mythologie auch positive Eigenschaften zugesprochen. Ein Irrlicht zur Linken ist ein gutes Zeichen. Irrlichterchen fliegen auch auf Anruf herbei und leuchten dem Menschen – freilich nur gegen ein kleines Taschengeld.

Von den volkstümlichen Sagen, Mythen und Schauermärchen ist der Weg in die Welt der Literatur kurz. Von den Gedichten, Romanen und Dramen wiederum profitierte stets die Musik, das Theater, der Film. So auch das Kunstfest Weimar.

Das berühmteste literarische Irrlicht kennen Sie. In der Walpurgisnacht weist es den beiden Herren, Mephisto und Faust, den Weg zum Blockberg: „Heda! Mein Freund! Darf ich dich zu uns fordern? Was willst du so vergebens lodern? Sei doch so gut und leucht uns da hinauf“, ruft Mephisto . Ein köstlicher hintergründiger Dialog zwischen dem Teufel und dem Irrlicht entspinnt sich: „Nur zickzack geht gewöhnlich unser Lauf“ , ziert sich das Irrlicht zunächst, worauf Mephisto tiefsinnig meint: „Ei Ei! Er denkt´s den Menschen nachzuahmen. Geh er nur grad, ins Teufels Namen! Sonst blas ich ihm sein Flackerleben aus“. Dieser Drohung fügt sich das Irrlicht und führt die beiden hinauf auf den „zaubertollen Berg“, Inbegriff eines Ortes der Wandlungen und Verwandlungen aller Gestalten - in diesem Sinne nicht nur ein Ort hexenmäßiger Sinnenlust, sondern auch des schaffenden Geistes, des Kreativen. Kunst geht niemals geradlinig von A nach B wie die Logik und die Wissenschaft, sondern folgt der Inspiration, den Um- und Abwegen, dem leuchtenden Zickzack. Das Irrlicht: ein flammender, tanzender Geistesblitz, gebändigt durch die Ratio und ein Ziel- und Formbewußtsein: all das kann man Mephisto ja nicht absprechen.

Wie gesund Goethe doch immer ist! Auch dort, wo es in entfesselte Zonen geht. Anders dagegen die romantische Erfahrung: Sie sieht im Irrlicht ein Gleichnis für das große Rätsel des Lebens, in das man man fremd eingezogen ist und fremd wieder auszieht. Bei Wilhelm Müller, dem Dichter der „Winterreise“ kommt ein depressiver, hoffnungsloser Ton hinein: „Bin gewohnt das irre Gehen / ´s führt ja jeder Weg zum Ziel: / Unsre Freuden, unsre Leiden, / Alles eines Irrlichts Spiel!“ heißt es da. Wo jeder Weg zum Ziel führt, gibt es kein Ziel mehr, keinen Blocksberg, da herrscht die Weglosigkeit, die Irre, keine Wahrheit, sondern nur Illusion und Täuschung: „Alles eines Irrlichts Spiel“. Das Ich empfindet keine Rückversicherung in der Welt mehr, wohl auch keine Selbst-Sicherheit in der eigenen Haut, im eigenen Kopf. Die Auflösung eines festen Ich-Begriffs, wie ihn erst die Moderne definiert hat, beginnt schon in der Romantik. Und Schubert gab seine verschattete Musik zu diesen „Winterreise“- Versen, in denen sich überall die Figur des Außenseiters ankündigt, sowohl im gesellschaftlichen Sinne – denken Sie an den „Leiermann“ des letzten Liedes - wie im psychischen. Wer in der Welt nicht mehr zuhause ist, ist bald ganz draußen: außer sich, womöglich in der Welt des Wahns.

Diese klassisch-romantischen Bedeutungsnuancen des Irrlichts sind für das Kunstfest 2010 und seine Veranstaltungen wichtig geworden.

Das Irrlicht positiv: als Wegweiser in die Zauber- und Traumwelt der Kunst: Figur des Irrationalen, nie ganz unter Kontrolle zu Bringenden. Das Irrlicht führt aus der Welt des Gewohnten in die Phantasie und das Unbekannte, Rätselhafte. „Ich bin dein Labyrinth“ sagte Nietzsches Dionysos zu Ariadne, die sich auf ihrer einsamen Insel Rettung von ihm erhofft. Er erscheint ihr in „smaragdener Schönheit“, Epiphanie des Ästhetischen und Nicht-Rationalen. Irrlichter brennen im Herzen des Schöpferischen, „Flammenzeichen“, aber keine Herdfeuer oder Energiesparlampen.

Irrlichter in diesem „kunstfreudigen“ Sinn sind Aufforderungen zu freiwilligem Verlaufen und Verirren, Aufforderungen zum Widerstand gegen vorprogrammierte und normierte Lebenskonzepte in unserem „Zeitalter der digitalen Totalerfassung“. Das Aushalten von Ungewissheit - ohne jene Navigation mittels GPS, die inzwischen überhand nimmt und Städte und Landschaften in bewußtlos durchfahrene Zielgeraden verwandelt. Wer in die Irre geht, muß sich neu orientieren, wer vom Weg abkommt, sieht mehr, muß alle Kräfte und Gedanken bündeln. Das gilt sowohl metaphorisch wie real. „Wenn sich die Nebelschwaden schließen, der Weg sich als Wildwechsel entpuppt oder plötzlich ein Fluß auftaucht, wo keiner sein wollte, finden sich Körper und Geist zum ersten Mal am selben Ort und sehen einander ratlos an.“ Das ist der Reiz des Verirrens - die mentale Landkarte wird erregend neu vermessen. (Kathrin Passig, Adrian Scholz). Irrlichter vollführen den Gegentanz zur Ordnung, die das Leben zwischen eisernen Gesetzen und Gewissheiten einsperrt. Auch gibt es längst Gesellschaftstheorien, die sich gegen das allgemein angewachsene Bedenken und Befürchten, die Diskurse, die nur noch das Unterlassen möglicher Handlungen predigen, wenden und meinen, daß menschliches Überleben ohne ein Minimum von Verwegenheit und Ahnungslosigkeit ebenso gefährdet sei wie durch ein Übermaß. Totale Risikovermeidung sei gefährlich, ein Stillstand der Moderne. In diesem Sinn ist Goethes „Mehr Irrlicht!“ eine Aufforderung zu Abenteuer und Risiko, zum Unangepaßten, zum Ausprobieren anderer Wege, zum Sich-Aufs-Spiel-Setzen. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein“, hieß es bei dem anderen in Weimar bekannten Dichter.

In der Kunst gilt das ohnehin. Mit dem „Irrlicht“, das Sie eingangs gehört haben, setzte Franz Liszt sich damals an die Spitze der Avantgarde, eröffnete neue Räume – solche, die Debussy schon erahnen lassen. „Die „Feux follets“ sind eine der „Douze Etudes“, die Sie am Sonntag werden hören können. Außer dem Komponisten selbst konnte kaum einer diese atemberaubenden Stücke damals spielen. Atemberaubend: ein Stichwort auch für die Schlagzeug-Gewitter, die uns das Wunderkind des Schlagzeugs, Martin Grubinger und seine Perkussionisten präsentieren werden: Werke von Xenakis mit turbulenten Klangflächen und plötzlichen Inseln von Stille. Manche Stellen - einfach unspielbar. Wenn es dem Interpreten aber gelingt, das „ Machbare mit dem Phantastischen“ zu kombinieren, werden „Momente der Transzendenz“ hörbar, „flüchtige Einblicke in eine expressive Zerbrechlichkeit inmitten eines genau fixierten Ablaufs“ (Steven Schick).

Unsere artists in residence, die Geschwister Carolin und Jörg Widmann, lassen Leuchterscheinungen der Musikliteratur aufklingen mit den Werken von Schubert, Mendelssohn, Brahms, aber auch Werke des geistig gefährdeten Schumann – sein verfemtes letztes Violinkonzert – und Olivier Messiaens im Kriegsgefangenenlager 1941 komponiertes „Quartett für das Ende der Zeit“ . Aber wir werden den Geschwistern auch auf live-elektronischen Spaziergängen in Neuland folgen bei Werken von Pierre Boulez - einmal mit Carolins Violine, ein andermal mit Jörgs Klarinette.

Sie können unser Programm 2010 aufschlagen wo Sie wollen; überall Wagnisse, Neu-Versuche, gebändigt durch das Können der Interpreten. Das gilt eminent auch für den Tanz. Die Irrlichter würde ihre Freude haben, denn Irrlichter lieben den Tanz: Spektakuläres Wirbeln auf verstärkten Sohlen beim Steptanz der Amerikaner, ein kontrolliertes Feuer beim spanischen Flamenco. Anders genialisch die Demonstration emanzipierter Einzelkünste – Bewegung und Klang im Raum – bei der legendären Merce-Cunningham Dance Company. Wahrhaftigen Irrlichtern folgen vor allem die jungen Tanz und Medienkünstler, die abseitige oder ungewöhnliche Orte in ihren Experimenten erkunden – die Nietzsche-Gedächtnishalle, mit Geschichte und Wahnsinn vollgesogen, oder das Van-de-Velde Treppenhaus der Bauhaus-Uni, mit Geschichte und Schönheit vollgesogen.

Beim Irrlicht des romantischen „Winterreisen“- Syndroms werden die Nachtseiten ins Zentrum gerückt, die dämonischen Aspekte des Flämmchens. Dunkles, Sumpfiges kommt in den Blick, kaum erhellt vom blauen Flackern, das Ängstigende und Bedrohliche. In die Irre geführt zu werden bezieht sich nicht mehr nur auf die unbekannten Pfade, auf die der Wanderer gelockt wird, sondern auch auf sein Innenleben, seine Bewußtseinszustände und Wahrnehmungen, auf Illusionen und Halluzinationen. Die Wände sind ja dünn und durchlässig, die unser gesichertes Realbewußtsein vor den Übergriffen der dunklen Kräfte dahinter schützen, vor dem Andrang des Halbbewußten, ja Unbewußten, das seine eigentliche Domäne im Traum hat, aber eben auch tagsüber nie schläft. Jeder „Gesunde“ kennt die Verwirrung beim schockartigen Hochschrecken aus einem kurzen Mittagsschlaf, das Wo bin-ich, Wer-bin-ich, das für Schrecksekunden lang unsere Identität suspendiert.

Die „Irre“ des Irrlichts bezeichnet nicht nur den Wegverlust, sondern auch den Verlust der geistigen Kontrolle. Das kann sich – im „normalen“ Leben - in plötzlichen Verschiebungen kundtun, wie wir sie aus den kleinen sprachlichen Verfehlungen kennen, den Fehlleistungen. Leicht schiebt sich ein Wort fürs andere unter, man sagt: „renommiert“ statt „renoviert“, oder vertauscht die Wörter und Silben, sagt „zwecktischer Prack“ statt „praktischer Zweck“. Oder die Wörter kontaminieren sich gegenseitig, halten ihre Grenzen nicht aufrecht. Die Verwechslung: „Hinwaltspunkt“ für „Hinweis/ Anhaltspunkt“ soll schon öfters vorgekommen sein. Gestern hörte ich im Fernsehen, wie ein protestierender Arbeiter aus dem Druckergewerbe sagte, er wolle einen „Andruck“ an die Regierung stellen – er meinte einen Antrag.

Unser Alltag ist gespickt mit linguistischen Absenzen, wo wir, nach Sigmund Freud, oft auch durchklingen lassen, was wir „eigentlich“ meinen. Berühmtes Beispiel dafür aus jüngster Zeit: „Und inzwischen eröffnen uns Computer und Internet ganz neue Austausch- und Informationskontrollen“, sagte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in einer öffentlichen Rede; was er meinte war: „Austausch- und Informationskanäle“.

Es gibt aber nicht nur das Versprechen, sondern auch das Verhören. Der Satiriker Axel Hacke bemerkte unlängst, daß kein Mensch mehr gelesene Verse versteht und hat unter dem Titel: „Der weiße Neger Wumbaba“ eine Sammlung von „Verhörungen“ , herausgegeben. Die bekannte Gedichtzeile aus Matthias Claudius´ „Der Mond ist aufgegangen“, die da heißt: „und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar“ wurde vom halben Hinhören verwandelt zu: „und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba“. Der Satiriker war begeistert von der poetischen Kraft solcher phonetisch-semantischer Kapriolen: „Der Verhörende schafft sich gewissermaßen aus der Unverständlichkeit der Welt heraus einen eigenen Kosmos, ein Beweis für die kindlich-dichterische Kraft, die vielen von uns innewohnt, ohne daß wir eigentlich etwas von ihr ahnen.“ Die Forderung nach „Mehr Irrlicht!“ ist hier deutlich herauszuhören - zur Entfaltung kreativer Phantasien, zum Abhören dessen, was unter einem Text an „irren“ Geheimnissen liegen könnte.

Franz Liszt hat Schuberts „Winterreise“ schon durch seine Transkription für Klavier Solo verändert und verschoben, erneut verändert und verschoben hat sie aber der Sprachkünstler Gerhard Rühm, der am 25. August zu uns auf die Reithallen-Wiese kommt. Rühm hat sich bei seiner Neudichtung der „Winterreise“ von Wilhelm Müller für eine Methode entschieden, die möglichst viel von den Vokalen und Konsonanten der Gedichte beibehält, sie aber in einen neuen Satz-Verbund bringt. Die verzerrt wirkende Klanggestalt bringt eine halluzinative zweite Aussageschicht zutage, die hinter den Originalworten zu liegen scheint und sie zugleich konterkariert. Auch Rühm bevorzugt gesungene Worte, da entsteht eine gewisse semantische Unschärfe wie von selbst, eine Sinn-Vernebelung - wie bei den Tonwolken der Lisztschen „Irrlichter“. Hören wir hinein in das Lied „Der Lindenbaum“, „Am Brunnen vor dem Tore...“, hören wir auf die anderen, unbewußten Inhalte, die bei Rühms „dahinterweise“ in traumsymbolischer Verschlüsselung erscheinen:

DER LIPPENSAUM
am munde vor dem ohre
entschwebt dem lippensaum
ein schäumig leises tappen
in wachgeküssten raum.
wie glitt aus einem kinde
schon zwanghaft schiefes brot
und flog in scheuer eile
vom kiefer in den kot.

Neben den liebenswerten Formen des Verschiebens, das unser Gehirn – unfreiwillig oder bewußt – veranstaltet, neben dem charmant irrlichternden Durchlassen des Nonsens ins Normale gibt es aber auch die groben neuronalen Fehlschaltungen, die zu den krankhafteren Formen führen. Die gelten dann als „Verhaltensauffälligkeiten“ und werden den Wahrnehmungsforschern oder den Psychiatern zugeleitet. Doch aus der Forschung und der Medizin kommt auch Trost. Viele Phänomene, die noch vor kurzem als „verrückt“ galten – Halluzinationen, Out-of-Body-Erfahrungen, Doppelgängervisionen - können inzwischen auf aktuelle Gehirn-Tumore zurückgeführt und geheilt werden oder sie gelten nicht mehr als „krank“, weder als epileptisch noch als schizophren. Als Goethe 1771, in Gedanken an Friderike, der er das Herz gebrochen hat, auf einem Reitpfad bei Sesenheim im Elsass, dahinreitet, kommt ihm ein anderer Reiter entgegen. Im Näherkommen bemerkt er, daß dieser Reiter niemand anders ist als er selbst, so der Bericht in „Dichtung und Wahrheit.“ Niemand wird Goethe unter die Irren rechnen, die Grenze zwischen wirklicher Welt und Phantasterei war ihm bekannt. Daß Begegnungen mit dem alter ego aber sehr wohl vorkommen können, wenn man sich „intensiv mit der Frage nach dem Selbst und dessen Platz in der Welt“ beschäftigt, bestätigt ihm heute der Leiter der Neuropsychologischen Abteilung des Züricher Universitätsspitals Peter Brugger. Echoartig heißt es auch aus anderen Fachkreisen: „Jeder Zwanzigste erlebt im Laufe seines Lebens, wie fragil die Beziehungen zwischen dem Selbst und seiner Behausung ist. Man glaubt, Doppelgänger zu sehen oder sich außerhalb seines Körpers zu befinden. Was früher Stoff von Schauergeschichten war wird mittlerweile im Labor untersucht.“ (Olaf Blanke, ETH Lausanne).

Die Möglichkeit, sich zu multiplizieren und mit seinem Doppelgänger Umgang zu haben, wird beim Kunstfest in musikalisch-kabarettistischer Manier ausgenutzt. Zwei Künstler aus der berühmten Marthaler -Theaterfamilie treten in einem Stück namens „Alleinunterhalter (Mehrzahl)“ auf, der eine am Keyboard und der andre am großen Steinway. Zwei sind einer allein, aber bekämpfen müssen sie sich. Ein anderer Künstler, bildender Künstler und „Kunst-Chaot“, von dem man sagen darf, daß er sich in viele Identitäten aufspaltet, darunter in Nietzsche und Wagner, ein Tierbaby und den Messias, ist Jonathan Meese. Tradition ist für ihn immer das „Nicht-Ausgereizte“ und dadurch Unbekannte – ganz wie wir es auch verstehen. „Kunst ist das Getreiderad des Totalkreislaufs!“, rief er einmal. Meese ist das verkörperte Irrlicht, er wird an der Diskussion mit dem Titel „Kunst, Krankheit, Gesellschaft“ teilnehmen - passenderweise in der Nietzsche-Gedächtnishalle. Und wenn Meese einmal einen Appell an die Welt richtete, der da lautet: „Führe dich in Versuchung!“, so ist mit „Mehr Irrlicht!“ nichts anderes gemeint.

In der Renaissance setzte man die Wahnsinnigen auf die Narrenschiffe und ließ sie treiben – als „Narren“ galten freilich auch Alkoholiker, Landstreicher und Prostituierte. Im 17. Jahrhundert wurden die Verwirrten in Verwahrungsorte eingeschlossen, eingekerkert. Im Zeitalter der Vernunft, als das rationale Subjekt eine ungeheure Aufwertung erfuhr, grenzte es sich dementsprechend verächtlich ab vom Bereich der Un-Vernunft. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber interessiert sich die Literatur für die merkwürdigen Erscheinungsformen menschlicher Zustände.

„Was für ein Feld ist es, wohin sich meine unsichern Schritte wagen; welche unbetretnen Pfade, welche Dunkelheit, welch ein Labyrinth!“ rief der Schriftsteller Karl Philipp Moritz, als er 1783 ein erstes Magazin zur „Erforschung der Seelenkunde“ herausgab, eine Sammlung von Krankengeschichten - Hypochondrie, Schwärmerei, Geisterseherei - , Kriminalfällen und Traumberichten. Ein Dokument aus der Entstehungsgeschichte der modernen Psychologie. Die Fallgeschichten standen deutlich im Zeichen der Forderung, nicht gleich alles klassifizieren und moralisch eintüten zu wollen, in bester Aufklärungstradition also. Das hat sich, wie wir wissen, später geändert. Diffamierung und Internierung war die Regel, auch Gewalttherapien gehören zur Geschichte der Anstalten, bis hin zur Vernichtung von „Wahnsinnigen“ in den Euthanasie-Programmen des „Dritten Reiches“.

Einigermaßen geschützt durch seine hohe Position, aber nicht vor den medizinischen Behandlungen seiner Zeit war der geisteskrank gewordene britische Monarch King George III, der die letzten neun Jahre bis zu seinem Tod 1820 verzweifelt in Windsor Castle verbrachte. Der Komponist Peter Maxwell Davies zeichnet ein sensibles Psychogramm des unglücklichen Königs in seinen „Eight Songs of a Mad King“, einem Klassiker der Avantgarde. Diese Lieder werden in einer Aufführung des Kunstfestes durch eine szenische Aufbereitung gekoppelt werden mit den Psycho-Vignetten vom einsamen Mondpeterchen, Schönbergs Monodramen „Pierrot Lunaire“, und mit Luigi Nonos „Lieder des Narren“ – einer Bühnenmusik zu Shakespeares „Was ihr wollt“. Hier wundert sich der Narr über die (Liebes-) Narrheiten der Normalen. Lieder eines Narren hat auch Wolfgang Rihm vertont: der Narr – Adolf Wölfli - war vielleicht der erste Geisteskranke, der als Künstler erkannt und anerkannt wurde. 1891 in die geschlossene Anstalt bei Bern eingewiesen hat er dort über dreißig Jahre lang unter Hochdruck gedichtet und gemalt. 1921 priesen ihn die Surrealisten, fasziniert von seiner elementaren Kreativität, für seine „écriture automatique“. Rihms Komposition können Sie bei uns hören, in Wölfli hat Rihm einen Artverwandten gespürt, er gibt dessen Obsessionen verletzende Klänge. Beide Autoren bewegen sich außerhalb der textlichen wie musikalischen Rechtschreibregeln. Dagegen sind die Wahnsinnarien des 19. Jahrhunderts, die Sie hören werden – eine Lucia di Lammermoor und ihre leidenschaftlich-hysterischen Schwestern – geradezu Bäder im Wohlklang, vor allem, wenn die Weimarer Staatskapelle aufspielt.

Inzwischen gibt es enorme Fortschritte in Forschung und Medizin, es gibt die Reformpsychiatrie und vor allem, in den Humanwissenschaften, die vehemente Demontage der überlegenen „Vernunft“. Michel Foucault hat dafür plädiert, den Wahnsinn nicht mehr als Gegensatz zur Vernunft zu sehen und längst ist der „gesunde Menschenverstand“ als der unter Umständen panisch-verrücktere enttarnt, als jener, der den Nachbarn gerne eingesperrt sieht, um sich selber als gesund zu definieren (Dostojewski). Im psychologischen Feuilletonismus unserer Tage gilt schon fast die Umkehrung: „Normal“ ist „verrückt“, in Anlehnung an einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel“. Gegen die „normalen“ Wahnsinnigen wie einen Hitler, Stalin oder Sadam Hussein würden die Spinnereien eines Schizophrenen aus dem Nachbarhaus doch nun wirklich harmlos wirken.

So einfach ist es natürlich nicht, obwohl zu begrüßen, daß eine Verteidigung des Verrückten und Anomalen es fast zum Bestseller gebracht hat. „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ heißt das Buch des Psychiaters Manfred Lütz, eine Philippika gegen „Überangepaßtheit, Übererfüllung, Übervorsicht und anderer Vermeidungshaltungen, die unterm Krisendruck geschwulstartig wuchern“ (Christian Geyer). Sehr offenkundig auch ein Plädoyer für „Mehr Irrlicht!“

Im Kontext der Kunstfestes interessieren uns aber vornehmlich die komplexen Zusammenhänge zwischen Kunst und Wahn, Kunst und Wahnsinn.

„Daß Genialität und Wahnsinn eine Seite haben, wo sie aneinander angrenzen, ja ineinander übergehen, ist oft bemerkt und sogar die dichterische Begeisterung eine Art Wahnsinn genannt worden“, schrieb Arthur Schopenhauer bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Damit war die aus der Antike stammende Vorstellung der von Gott oder der Natur gegebenen Genialität verlagert auf das Pathologische. Genie und Wahnsinn gingen Hand in Hand. Mit dieser Wende trat aber auch der leidende, der „wahnsinnige“ – vielleicht „heilige“ - Künstler in den Mittelpunkt des Interesses. Und mit ihm das Numinose des kreativen Prozesses, das es zu verehren galt. Wir sind in der Romantik. Gegen Ende des Jahrhunderts aber war Schluß damit. „Genie und Wahnsinn“ erschien, das Werk des italienischen Psychiaters und Anthropologen Cesare Lombroso. Es popularisierte solche Ansichten, kriminalisierte sie aber zugleich. Der schöpferische Zustand zeige Analogien mit der „Verrücktheit“ – und sei letztlich, biologisch, von der kriminellen Disposition nicht weit entfernt. Tasso, Rousseau, Hölderlin oder Kleist: "Genies mit Geistesstörung".

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts färbte wieder eine neue Facette die Diskussion um Kunst und Wahnsinn. Mit den Werken von Patienten der Heidelberger Klinik Prinzhorn traten die künstlerischen Valeurs der Schöpfungen von Kranken ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. Und damit neue Fragen: Waren diese Schöpfungen Ausdruck des seelischen Leidens, also Symptome, oder genügten sie höchsten ästhetischen Ansprüchen? Konnten hier nicht vielleicht neue, unerwartete Erfahrungshorizonte erschlossen werden, die dem „normalen“ Künstler sonst nicht zur Verfügung standen? Die anthropologischen Bedingungen ästhetischer Produktion kamen in den Blick. Im Nationalsozialismus war diese Kunst, zum Teil mitsamt ihren Urhebern, dann verschwunden, ausgerottet. Zu Beginn der fünfziger Jahre erlebte sie wieder eine Renaissance. Jean Dubuffet sammelte und etablierte die „art brut“– die „rohe“ Kunst, die Kunst der Unangepaßten, von Kunstströmungen Unberührten, akademisch nicht ausgebildeten „outsider“. Heute gibt es berühmte Sammlungen der „art brut“ in Heidelberg, in Lausanne, aber auch in Gugging bei Wien.

Dort war es der Psychiater Leo Navratil, der unter den chronisch kranken Patienten viele Talente entdeckte und förderte. Oswald Tschirtner, August Walla und Johann Hauser sind international bekannte „art brut“ - Künstler, deren Bilder heute einen hohen Marktwert haben. Ein markantes Wort von Navratil hilft beim Verstehen des schwierigen Verhältnisses von Kunst und Wahnsinn: "Schizophrene sind Künstler...aber Künstler sind nicht Schizophrene, sie haben ein Bewußtsein ihrer Kunst und Urteilsvermögen, sie können sich selber vermarkten, das ist der Unterschied." Und, noch einmal Navratil: „Der Ausbruch einer schizophrenen Psychose wird oft als Weltuntergang erlebt. In der Kunst schaffen sich die Patienten wieder eine Welt.“ 1981 gründete Navratil das Zentrum für Kunst und Psychotherapie auf dem Gelände des Gugginger Krankenhauses. Unter seinem Nachfolger Johann Feilacher wurde es in „Haus der Künstler“ umbenannt, 1997 um eine kommerzielle Galerie erweitert und später in eine Privatstiftung umgewandelt. Die Ausstellung „Art / brut: gugging-classics“, die Johann Feilacher für das Kunstfest Weimar kuratiert hat, empfiehlt sich dringlich ihrer Aufmerksamkeit. Es sind ganz außerordentliche Werke dabei und daß sie manchmal Ähnlichkeit mit Kinderzeichnungen aufweisen, wird niemanden überraschen. Viele Künstler beharren auf ihrer „Kindlichkeit“ - nicht nur das Tierbaby Jonathan Meese.

Zum Abschluß möchte ich Ihnen eine dritte Art von Irrlichtern vorstellen, die direkt und zeitlos in jedes Jahrhundert hineinflackern. Sie sind Thema eines Märchens von Hans Christian Andersen, der - in Goethes Nachfolge - hier in Weimar Hausdichter des Großherzogs Carl Alexander war.

Eigentlich ist es eine poetologische Parabel mit der Frage: wie kommen wir als Dichter in einer zunehmend rationalen und entgötterten Welt wieder zum Märchen? Wie können wir es von falscher, korrumpierter Dichterei unterscheiden, wie ist das Verhältnis von Märchen und Wirklichkeit?

„Die Irrlichter sind in der Stadt“ – so heißt Andersens Märchen. Darin warnt die Moorfrau, die Menschen mögen sich in Acht nehmen: Denn die Irrlichter haben den Auftrag, innerhalb eines Jahres 375 Menschen auf Abwege zu führen, sie „im großen Stil“ vom „Wahren und Richtigen“ abzubringen. Schafft ein Irrlicht das nicht, muß es in einem faulen Baum liegen und leuchten, ohne sich regen zu dürfen: schreckliche Strafe für ein lebhaftes Irrlicht. Der Dichter, dem die Moorfrau diese Geschichte erzählt, vergleicht daraufhin seine Dienste als Journalist mit dem bestraften Irrlicht. Festgenagelt in der Zeitung, fühle er sich genauso eingeschränkt, dort leuchte er nur und dürfe „keinen Mucks“ sagen. Ginge er aber herum in der Stadt und sagte den Leuten: "Seht einmal, da geht ein Irrlicht in Staatsuniform!" würde es ihm schlecht ergehen – oder man würde es eben für ein Märchen halten. Uferloses Problem, da das Irrlicht jede Gestalt annehmen kann, auch die eines Mädchens oder eines Priesters; es kann in den Politiker fahren, der am Wahltag vorgibt zugunsten seines Landes zu sprechen und es doch nur zu seinen eigenen Gunsten tut. Aber es kann auch als Künstler auftreten, „Irrlicht ist im Farbtopf wie im Theatertopf“ heißt es bei Andersen, aber wehe, wenn es „ordentlich Macht“ bekommt, „dann ist es aus mit dem Topf“. Die poetische Kraft ist korrumpiert und versiegt.

Die Irrlichter in dieser dritten Variante sind also keineswegs nur draußen in den Sümpfen, sondern immer da und in jeder Stadt, bei ihren Würdenträgern, aber auch bei den Künstlern, als eine flackernde Verführung zum Missbrauch – entweder der Ämter oder der Kunst. Die Irrlichter sind wir, sie sind in uns.

Schauen Sie tief in sich hinein, meine Damen und Herren, gewähren Sie den Irrlichtern in Ihnen viel, viel Raum: sie müssen wagemutig und phantasievoll brennen in Ihnen, damit Sie bloß nicht „zu normal“ werden! Aber eben auch – mit Hans Christian Andersen, der sich da als Moralist entpuppt – lassen Sie sich von den Irrlichtern nicht „im großen Stil“ vom „Wahren und Richtigen“ abbringen...

Ich freue mich nun auf die Weiterführung des Konzerts mit Liszt und Debussy. Danach gibt es eine kurze Pause und wir sehen uns bei Schumanns „Davidsbündlertänzen“ wieder. Im Anschluß darf ich Sie dann zu einem Empfang bitten. Und noch einmal: Herzlich willkommen beim Kunstfest 2010!