Presse

Eröffnung Kunstfest 2005: Vortrag Nike Wagner

 

<h3>„Liebesträume?“</h3>

Das Kunstfest Weimar mit dem Namen „pèleringes“ geht ins zweite Jahr. Ein zweites Jahr ist er erste Schritt in die Normalität eines Festivals, insofern eine Herausforderung Schon nach unserem mit großer Resonanz begrüßten ersten Jahr hieß es abgründig in der heimischen Presse: was, wenn der Neuigkeits-wert erst einmal verbraucht ist? Das zweite Jahr ist schwieriger als das erste, das auf Neugier oder ein viel späteres, das auf Gewohnheit zählen darf. Wir sind, bevor wir uns etablieren und entfalten können, erst einmal die natürlichen Opfer des Verschleißdenkens, eines Denkens in Verfallsdaten, wie es in unse-rer Öffentlichkeit auch den Kunstereignissen gegenüber eingerissen ist. Zu diesem vom Markt diktierten Entschärfen des Interesses traten obendrein Fak-toren des schieren Unglücks, die dem Laufenlernen des kleinen Kunstfestes große Hürden in den Weg legten.
Zu Beginn des Jahres 2005 – in einem Stadium, wo Pläne fixiert, Künstler und Kooperationen ratifiziert werden, starb unvermutet die von den Berliner Fest-spielen zu uns übergewechselte geniale Mitarbeiterin Annette Rosenfeld. Ihr sei hier eine liebevolle Memoria zugedacht, ihr Verschwinden hatte das Kunst-fest erst einmal in Erstarrung und Verzug gebracht. Zu diesem Unglück kamen die Folgen eines Unglücks von kulturhistorischen Dimensionen, des Brandes in der Anna Amalia-Bibliothek vom 2. September 2004. Die Unmittelbarkeit dieser Katastrophe bekam der große Bruder, die Stiftung Weimarer Klassik zu spüren, die Folgen aber das neugeborene Kunstfest. Denn die Speckseite der schönen Erfahrung, daß sich das Gewissen der Nation mobilisieren ließ und die Spendentöpfe überquollen, hatte eine Magerseite zum Pendant. Wenn der Bittsteller Kunstfest auftrat, tönte es regelmäßig von Spenderseite: Aber wir haben doch schon für Weimar gegeben – bitte kommen Sie im nächsten Jahr wieder. Den Rest karitativen Engagements durfte in diesem Jahr Fernost für sich verbuchen, Stichwort Tsunami. Gegenüber Naturkatastrophen wie Feuer und Wasser ist die Kunst machtlos - muß abwarten, sicher ihrer nachwachsen-den Notwendigkeit. An dieser Stelle sei mein besonderer Dank an den Bund ausgesprochen, der verstanden hat, daß Hilfe hier nottat und diese Hilfe groß-zügig hat angedeihen lassen. Dank auch an alle Sponsoren, die uns treu ge-blieben sind, namentlich an unseren Hauptsponsor Skoda Auto Deutschland.

Mit dem eben erwähnten Abwarten hat es aber so seine Bewandtnis, wenn das Abwarten in Weimar geschieht. Beim Kunstfest gibt es ein Konzert mit dem Na-men „via crucis“, ein von Franz Liszt komponierter Kreuzwegstationengang, der nach katholischem Ritus jeden Karfreitag auf Knien zu absolvieren ist. Die via crucis des Kunstfestes in Weimar wird ganzjährig gespielt. Sie müssen ver-zeihen, meine Damen und Herren, wenn das Szenario Weimar hier mit einigen Seitenblicken ins Bild kommt. Sie haben gestern abend vielleicht den Beginn des Kunstfestes mit dem Gedenkkonzert für Buchenwald hören können, ge-nannt „Gedächtnis Buchenwald“ – ein Konzert, das, wie alle hier wissen, jedes Jahr unter dem gleichen Titel wiederkommt, ein wichtiges, symbolisches Kon-zert, zugleich ein für sich stehendes einprägsames Musikerlebnis. An diesem Konzert hängt das Geschehen des Kunstfestes insgesamt, sein Selbstver-ständnis, sein Konzept, seine Ermächtigung, stattzufinden. Vielleicht haben Sie sich gewundert, warum ein solches Konzert um 18 Uhr stattfindet, zur happy hour, zur tea time oder zur Zeit, wenn in Krankenhäusern das Abendessen serviert wird. Vielleicht sind Sie auch zu spät gekommen und mußten sich ärgern, was half es Ihnen da, dass der Eintritt gratis war? Der einfache Grund: Zur üblichen Zeit - 20 Uhr -, gültig auch fürs Buchenwald-Konzert, war ein open-air-Spektakel eines privaten Unternehmers im Schlohof mit dem spre-chenden Namen „Flames of Classic“ angemeldet, Klassikpopulismus mit Lightshow und Feuerwerk. Deshalb unsere Vorverschiebung, unser Entschluß zum Entzerren des Unverträglichen. Der Stadt, bei der alle Veranstaltungen anzumelden sind, war offenbar nichts aufgefallen, sie sah in der Koinzidenz nichts Skandalöses oder hat das – andrerseits verdienstvoll mitfinanzierte – Kunstfest glattweg vergessen. Da war keine Lager-Verdrängung, keine heim-liche Kollaboration mit der Vergangenheit, kein besondere Dunkelmännerei im Spiel, sondern einfach Acht- und Gedankenlosigkeit – sogar den eigenen wirk-lichen langfristigen Interessen gegenüber. Daß obendrein die traditionelle Bür-gerreise, der Aufbruch von Hunderten von Weimarern zu einem Ziel kultureller Art mit einem eigens dafür gemieteten Zug genau auf die Zeit des Eröffnungs-wochenendes des Kunstfestes fällt, daß Weimar dergestalt, auf eigene Bestel-lung hin seiner Kulturbürger beraubt, ins Weimarer Kunstfest geht, dürfte unter die Rubrik Schildbürgerstreich fallen, wäre nicht dieselbe Acht- und Gedanken-losigkeit der Kultur gegenüber, derselbe kurze Blick auch hier am Werk.

Aber unsere via crucis 2005 kennt noch weitere knieaufschürfende Stationen. Mein Vorgänger Bernd Kauffmann, Veranstalter früherer Kunstfeste und des Kulturhauptstadtjahres 1999, aber eben auch Stiftungspräsident, hatte mir beim Antritt meines Amtes warnend gesagt: „Passen Sie auf, Frau Wagner, mit ihrem Kunstfest - Sie sind ein König ohne Land in Weimar!“. Ich hatte das da-mals, 2003, in meinem Hochgefühl nicht verstanden, heute verstehe ich, was er meinte. Das Land – für ein Festival heißt das: die Veranstaltungsräume – ge-hört den anderen, besitzen die anderen, in einem komplizierten Knäuel sind es die Stadt, die Stiftung Weimarer Klassik und die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Auf Jahre hinaus ist der einzige Konzertsaal der Stadt vermietet -– zum Teil an lukrativere Kongresse – oder den Eigeninteressen der einzelnen Institutionen wird auf eine Weise nachgegangen, die letztlich niemandem nutzt, keinem der hier für Kunst und Kultur Agierenden. Mitten ins Kunstfest platzie-ren sich große Sinfoniekonzerte jener beiden Klangkörper, die ansonsten Ko-operationspartner des Kunstfestes sind, der Weimarer Staatskapelle und des MDR-Sinfonieorchesters, das Nationaltheater feiert große Saisoneröffnung an einem Tag, an dem bereits zwei Kunstfest-Ereignisse stattfinden. Wundern Sie sich also nicht, verehrte pèlerins, wenn Ihnen wirr zumute wird bei so viel Kul-turbombardement – die Hülle, die Fülle – leider aber eben auf engstem Raum.

Weimarer Kleinstadtquerelen, Brotneid der Veranstalter könnte man denken. Ich denke das nicht. Die laue Zulassung oder vielmehr Beförderung von Kon-kurrenz unter den Veranstaltern statt ihrer konzeptuellen Koordination, der Mangel an einer entschiedenen Option für die Priorität einer Kultur, die dem hohen image von Weimar gerecht wird, ist ein Symptom für die allgemeine Ver-wahrlosung und Gleichgültigkeit im Umgang mit kulturellen Dingen. Weimar aber wird für solche Symptome haftbar gemacht, weil wir seine Repräsentanz immer mitdenken, der Stadt immer jene kulturelle Größe zudiktieren, die sie in unserer Imagination hat. Der farbige Abglanz der Geschichte läßt sich von der Wirklichkeit des heutigen Weimars nicht mehr ablösen. Wozu denn sonst ge-ben der Freistaat Thüringen und der Bund Gelder in konzentrierter Form an Weimar? Wie sind die Fördergelder, die das Kunstfest rekrutiert, anders zu verstehen als der einhellige Versuch der Auswärtigen, das „große, heilige“ Weimar – um Heinrich Heine zu variieren - zu erhalten? Doch nur, weil Weimar diesen Status einer Wunschprojektion der Nation besitzt. Überall in unserer Kulturlandschaft ist ein Kampf bis aufs Messer ausgebrochen zwischen der privatwirtschaftlichen Freizeit- und Eventkultur und den anspruchsvollen, nicht im mainstream paddelnden Kulturveranstaltungen - letztere ohne Zweifel im-mer in der Defensive. Weimar sollte dagegenhalten, gerade Weimar. Die auf dem berühmten “mir-san-mir“- Bewußtsein der kleinbürgerlichen Geister aller Länder beruhende Binnensicht Weimars auf Weimar, wie sie von gewissen po-litischen und unternehmerischen Kreisen hier betrieben wird – in öffentlich de-klarierter Gegnerschaft zum Kunstfest – kann auch pragmatischer Weltsicht nicht genügen. Die Schönheiten der Selbstvermarktung mit Kutschfahrten, Bierzelten, Weinfesten und Klassiktourismus werden sich nur fürs Gemüt, nicht aber wirtschaftlich auszahlen. Weimar muß sich am Blick von außen auf Weimar orientieren.
Ohne die Solidarität der Stadt wird eine so luftige idealistische Konstruktion wie das Kunstfest – der einzigen dynamischen Institution Weimars, der einzi-gen mit der Möglichkeit, der Stadt internationalen Rang und Echo einzubringen - seinen exterritorialen Status nicht durchhalten können. Hinter dem Hürden-lauf gegen die Landbesitzer verbirgt sich nämlich noch ein anderer Parcours, ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Gewißheit, sich etablieren zu können ist da und beruht auf der Stimmigkeit des Festival-Konzeptes für diese Stadt. Bis jedoch eine weitergehende Lösung aus der Abhängigkeit von den öffentlichen Mitteln stattfinden kann, bis unser Förderverein, die Kulturstiftungen und die privaten Spender das Kunstfest tragen, braucht es Zeit. Wie sich diese Zeitspanne mit den drastischen Kulturkürzungen, die das Land Thüringen plant, zu vereinen ist, steht unter einem großen Fragezeichen.

Meine Damen und Herren, ich bin heftig geworden. Das darf bei einem solchen positiven Vormittag nicht passieren. Heftigwerden gehört auf das Feld der Affekte und Leidenschaften, nicht der Kulturpolitik. Das Überquellen meines Kunstfest-Herzens, der Hinweis auf Weimar als der Projektionsfläche der Na-tion mag Ihnen aber schon die zweite Ebene erschlossen haben, die hier im Spiel ist, die metaphorische. Sie bringt uns auf das Thema des Kunstfestes.

„Liebesträume“ heißt das Motto der „pèlerinages“ 2005. Liebesträume sind das Projektionsspiel par excellence. Da werden Wünschen auf den Anderen projiziert, der Andere möge so sein – muß so sein - wie ich mir ihn erträume, wie ich ihn haben will, auf Biegen und Brechen, denn der Andere – mein Bild von ihm - repräsentiert das, was mir fehlt, gehört zu dem Bild von mir selbst. Ist dieser Andere anders, setzt Enttäuschung ein, Depression, Selbstverlust – und sollten diese introvertierten Modi des Rückzugs nicht gelingen, suchen sich die Energien den Ausweg in Gewalt, Mord und Totschlag. So etwa der landläufige Mechanismus jener psychischen Vorgänge, die mit dem Begriff und Umfeld „Liebesträume“ verbunden sind. In der Rückkoppelung auf die vorher skizzierten Zustände heißt das: da das Kunstfest seinen Anderen, die Stadt Wiemar, liebt und nicht in den düsteren Zustand des verlassenen Partners fallen will, muß es auf seinem Bild von einem Weimar bestehen, das die Stadt als den ergänzenden Anderen abbildet, muß es auf dem Bild eines kooperati-ven, zugeneigten, genuin kunstinteressierten Weimar bestehen: auf dem Lie-besverhältnis also. Ist es Zufall, dass die Kulturministerin des Bundes die Kul-turinstitutionen kürzlich bat, sich endlich als „Partnerschaftsanbahnungsinstitute“ zu verstehen? Auch wenn die glückliche Ehe kaum je zu haben sein wird - der kulturpolitischen Terrainsicherung für Flirts, Träume und Liebesmöglichkeiten ist sofort zuzustimmen. Denn alle Deuter der Liebe sind sich darin einig: Alles kann Liebesobjekt werden – vom Teddybär bis zum Auto, vom Haustier bis zum Gingkobaum, von der Frau des anderen bis zum lieben Gott. Alles läßt sich libidinös besetzen, vom Schweiß-geruch bis zum Weihrauchduft, warum also nicht Weimar?

Doch ich will diese Klage der Ariadne abbrechen. Denn was antwortete ihr der ersehnte Gott in dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Nietzsche? „Ich bin dein Labyrinth!“.... Diese Klage werden wir uns lieber in der szenisch-litera-rischen Umsetzung anhören, die am letzten Tag des Kunstfestes in der ehemaligen Nietzsche-Gedächtnishalle stattfindet.

Kommen wir also zum Kunstfest selbst. Was erwartet den Kunstfestpilger im zweiten Jahr? Was bleibt, was ändert sich? Zunächst für diejenigen, die im letzten Jahr nicht hier sein konnten: Das Konzept bleibt, die Strukturen bleiben, beide haben sich bewährt. Natürlich ändern sich die Inhalte, entsprechend dem jeweiligen Jahresmotto. Mit dem Motto „Liebesträume“ lehnt sich das Kunstfest 2005 besonders deutlich an den Lokalheiligen und geistigen Schirm-herrn Franz Liszt an. Dessen „Liebesträume“ – ursprünglich Lieder, dann Kla-vierstücke, „Notturnos“, sind wohl sein populärstes Werk, fast im Bereich der Kuschelklassik angesiedelt. Das hat den Vorteil, daß die Assoziationen des Be-suchers unmittelbar auf Liszt gelenkt werden, mehr noch als im ersten Jahr, als das Motto „Heimweh“ hieß, einer Übersetzung seines Klavierstücks „Le mal du pays“. Die Liszt-Motti ändern sich jedes Jahr, der Name des Kunstfestes „pèlerinages“ aber - „unterwegs, auf Wanderschaft sein“ - bleibt, weil der Na-me Programm ist. Den „Années de pèlerinage“, einem lisztschen Klavierzyklus entnommen, möchten wir Weimar als einen Wallfahrtsort für Kunstfreunde kennzeichnen, daher der Koffer im Logo, möchten aber auch Auskunft geben über unseren Kunstbegriff. Kunst bedeutet Aufbruch, Neues, wir sind nicht Bleibende auf Erden, die Kunst nichts Museales, sie entsteht im Widerstreit mit der Zeit. Wir nehmen Liszts Anliegen, Traditionen in die Gegenwart fortzu-führen ebenso ernst auf wie seine Idee, zeitgenössischen Künsten hier ein Fo-rum zu geben. In erster Linie ist „pèlerinages“ ein Musikfestival - mit dem Schwerpunkt Franz Liszt und viel zeitgenössischer Musik – daneben aber gibt es die bildenden Künste, experimentelles Sprech- und Musiktheater, Tanz, Lite-ratur, Kino .

Daß wir zugleich das Erbe wahren und pflegen – umso mehr, als es in einem Prozess des Verschwindens steht, dessen Sog immer stärker wird -, dazu ver-pflichtet Weimar. Das Erbe : alte Musik, Klassik, Romantik, die klassische Mo-derne - wohlverstanden, in den Händen der Besten. Der Pianist András Schiff und sein „Privatorchester“, die Cappella Andrea Barca gehören zu diesen Besten, sie gehören gewissermaßen auch schon zu den bleibenden Momenten des Kunstfestes, kommen heuer zum zweiten und nächstes Jahr zum letzen Mal. András Schiff ist wieder artist in residence und präsentiert ein eigenes Programm. Diskret, aber wahrnehmbar geistert das Kunstfestmotto „Liebes-träume“ aber auch durch sein Projekt und fügt es stimmig in die Gesamtheit der übrigen „pèlerinages“-Veranstaltungen. Da gibt es viel „Mondschein“, ob in der sprichwörtlichen Mondscheinsonate oder in anderen „Nachtmusiken“, er scheint durch die „intimen Briefe“ von Janácek, die „verklärte Nacht“ von Schönberg , die indische Nacht der Ragas und durch die Lieder der Sehnsucht um Mignon und den Harfner. Wagners Tristanmusik, die gleichsam ultimative abendländische Liebesmusik, spukt auch immer wieder herum, ob durch Brahms´ Vertonung des Märchens von der „Schönen Magelone“ oder durch das erste Streichquartett von Bartók. Zu Beginn führt Schiff seinen Zyklus der Beethoven-Sonaten fort, den Abschluß bilden zwei große Sinfoniekonzerte.
In den Händen der Besten, so unsere Überzeugung, tönt auch Bekanntes – Mozart, Haydn Beethoven , Schubert - wieder „unbekannt“, gibt uns den erfüll-ten Augenblick zurück, den er für eine vergangene Zeit und Sensibilität einmal darstellte. Kultur ist ein Kontinuum. In der permanenten Übermalung und Neu-schöpfung, im Changieren der Begriffe von Alt und Neu, der Re-Formierung des Alten als Neues – Franz Liszt übermalt Johann Sebastian Bach, Strawinsky die Madrigale des Gesualdo, Friedrich Goldmann Franz Liszt und Wolfgang Rihm Heinrich von Kleist - wird unsere Geschichtlichkeit spürbar, zugleich aber auch jener „Zukunftsschmerz“, der, nach eigener Aussage, Franz Liszt peinigte. Es ist Aufgabe der Kunst , diesen Zukunftsschmerz zu gestalten, wir wollen ihn nicht der NASA überlassen.

Das Kontinuum von Alt und Neu gilt nicht nur von der Kunst, sondern auch von der Liebe: eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Heinrich Heine hat damit bekanntlich die Endlosschleife der Liebesgeschichten beschrieben, das zeitlose Liebeskarussell mit seinen aufflammenden Aktualisierungen: Er kriegt Sie nicht, Sie kriegt den Anderen nicht, der Andere nimmt eine Andre, Sie nimmt einen Dritten und der Erste ist übel dran: eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei. Er ist wieder auf Träume angewiesen – von der Liebe.

„Liebesträume“ – Franz Liszt ist erkennbar. Erkennbar auch der dramatur-gische Zusammenhang mit dem Motto des Vorjahres „Heimweh“. Im Begriff „Heimweh“ erscheint der Mangel, erscheint umrissen, was fehlt - die Heimat. Im Begriff „Liebesträume“ erscheint ebenfalls der Mangel, etwas, was fehlt: der Geliebte, die Geliebte, vielleicht die Liebe selbst. Doch wenn die Liebe erfüllt ist – ist sie dann noch das, was erträumt und ersehnt wurde? Öffnet sich nicht vielmehr in der Erfüllung ein Abgrund und das alte Paradox beginnt zu wirken: „Im Genuß verschmacht ich nach Begierde“, wie es ein namhafter Weimarer Dichter ausgedrückt hat? Schafft gestilles Begehren also neues Begehren? Eros nur Mangel und Suche, ewig heilsbedürftig, offenbar weit über das Liebesobjekt hinausweisend? „Alle Lust will Ewigkeit“, um Friedrich Nietz-sche zu zitieren. Normalerweise stößt sie aber erst einmal an die Endlichkeit, Zeitlichkeit, an das reale Gegenüber. Heutzutage tönt es in der Literatur manch-mal so, als wäre dann alles in Ordnung: „Ich frage dich, liebst du mich eigent-lich? Und du sagst ja, ich meine, was soll da noch schief gehen?“ heißt es in einem Roman von Michael Lentz....
Geht es nun aber gleich schief, werden Liebesträume nicht erfüllt, hält das Objekt nicht, was es verspricht – was ich mir davon versprochen habe – , ist die Katastrophe da. Unglückliche Liebe, verworfene Liebe, zurückgestoßene Liebe, Liebeskummer und Liebesleid wirken verheerend wie Krankheiten. Ein in Gang gesetzter Selbstheilungsprozess - über die Figur des Anderen - funktioniert nicht. Man kann an gebrochenem Herzen sterben, weiß inzwischen sogar die Wissenschaft. Der Begriff Liebestod ist nicht zufällig so produktiv ge-worden, die Künste gestalten ihn seit Jahrhunderten in Klagen und Arien, in Versen und Epen, in Filmen, Opern, Bildern. Die Liebe - ein weites Feld.

Warum begibt sich das Kunstfest auf dieses nicht nur weite, sondern uferlose Feld, eigentlich ist es nicht nur nicht sondierbar, sondern – mit Verlaub - die speziellere Fassung des Themas als „Liebesträume“ wirkt auch altmodisch, romantisch eben, blaue Blume, 19. Jahrhundert. Die Ferne, die in diesem Wort mitschwingt, ist längst aufgehoben, aus der fernen Geliebten die Arbeitskolle-gin geworden, der Traum-Mann jederzeit über Handy erreichbar.

In der Tat, wir sind im 21. Jahrhundert, die Liebe ist von allen Seiten entzaubert und wir haben längst andere Sorgen. Mögen es – neben den französischen Aufklärern und ihren beißenden Aphorismen - Kant und Schopenhauer gewe-sen sein, die gegen die große abendländische Illusion Liebe vorgingen, den ernüchterndsten Schlag führte wohl Sigmund Freud mit seinen Libido-Theo-rien. Antikische Schicksalsbegriffe verkümmerten zu „Triebschicksalen“, ehe-mals geliebte Personen schrumpften zu Sexualobjekten. Liebe ist Projektion zugunsten von Triebabfuhr, Triebverzicht mündet in Sublimation – aller Fort-schritt auf Erden, auch die Kunst profitiert von Frustrationen. Seither habe sich die Biochemiker und Anthropologen eingeschaltet: sie wissen, daß das Gefühl der romantischen Anziehung mit hohen Werten von Dopamin und Noradrenalin und niedrigen Werten von Serotonin verbunden ist. Einer roman-tischen Liebe geben die Endokrinologen zwischen sechs und achtzehn Mo-naten, so lange sei die Chemie des Gehirns dazu bereit. Erbaulich auch nicht, was von der Kultursoziologie kommt: In der Luhmannschen Variante ist die Liebe ein Spezialfall eines Kommunikationsgeschehens. Die Liebe selbst, als Passion, die romantische Liebe ist inkommunikabel, deshalb interessiert sie nicht als Gefühl, sondern nur als Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen oder leug-nen kann – objektivierbar über die geschichtlichen Zeugnisse, die Tagebücher, Romane, Briefe, Traktate. Wir sagen „Liebe“, aber der Sinn des Wortes ändert sich je nach dem vorgegebenen Kultur und Sprachsystem, das sich selber hi-storisch ständig ändert. Der kompliziert geflochtene Knoten von Sexualität, Liebe, Fortpflanzung, Beziehung wird in ein Handlungssystem mit jeweils eige-nen Regeln aufgelöst. Die Erkundungen über die Liebe sind, so der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski nach einem bösen Blick auf den “Brei-tensport Sexualität“ und den Vormarsch der Reproduktionsmedizin, bei „Sta-tistiken, Säften und Strukturen“ angelangt.

Die Aktualität unserer Erfahrungen zeigen kein grüneres Bild als die graue The-orie. Die sexuelle Revolution im Westen hatte einen emanzipatorisch-human verstandenen Freiraum geschaffen, in dem die Lust vom gesellschaftlichen Fortpflanzungsdiktat abgekoppelt wurde, Worte wie Freiheit und sexuelles Glück gingen um, die Erfindung der Pille half. Inzwischen werden die Folgen sichtbar. Sexualität ist von familienpolitischen Zwängen zwar befreit, wird da-für aber von privatökonomischen Interessen okkupiert. Die Fortschritte in der Massenproduktion und den Handelssystemen haben aus der linken Sexver-heißung eine Pornographie und Prostitution ohnegleichen gemacht. Gang-Bang-DVDs, Internet-Dating und Sextourismus sind ihre Verkehrsmittel und- formen (Dietmar Dath). Im Sozialen hat diese aus Pop und Porno, Vollbeschäf-tigung und Konsumideologie gemischte Kultur den Lebensabschnittspartner bzw. das living apart together hervorgebracht, die wilde Hoffnung der Mädel, daß beim nächsten Mann alles besser wird. Sex in the city und der Single gehö-ren zusammen – Sex aber, der Wunsch, „authentisch“ und intensiv zu fühlen, „direkt“ zu kommunizieren und zu erleben – führt nur sehr vorübergehend zu-sammen, die allgemeine Versingelung in den Großstädten hat zugenommen. Damit aber auch die Einsamkeit und die Suche nach Ersatzwelten – Cybersex, Chatrooms, Drogen, die Erfüllung im Virtuellen. Im Gefolge, unausweichlich, Langeweile, Passivität, Kontakthemmungen, Sex-Autismus und Konsumver-halten: „Most people are content to hear about sex or watch a few experts perform it“ stellen unsere Alltagsdiagnostiker fest. Dieses Verschwinden von Erfahrungsdimensionen steht durchaus in einem Verhältnis zur visuellen Sexu-alisierung der Öffentlichkeit. In der Werbung zum Beispiel - jedes Eis-am-Stiel Inbild einer sexuellen Handlung – , in der öffentlichen Beicht- und Exhibitions-kultur der Talk-Shows oder den Big-Brother-Versuchsanordnungen: Eros ist ein Gehilfe der Konsumgüterindustrie geworden (Norbert Bolz), sex sells, überall erotisch aufgeladene und fetischisierte Körper, wie sollen die Lieben-den da eigene „Codes“ entwickeln, wie ihre Gefühle der Vermarktung entzie-hen?

Nun soll man es aber mit Friedrich Hölderlin halten und hoffen: wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Und es ist ja nicht so, dass Gegenreaktionen aus-blieben. Gegen den pornographischen Zuschnitt der Zukunft bildet sich lang schon Widerstand in feministischen Zirkeln, aber auch Widerstand von seiten der politischen Rechten, die auf dem leergewordenen Gelände der Linken ihre abstinenten Banner aufpflanzt und für Zucht und Selbstverleugnung trommelt. In Amerika hat sich unter schwärmerischen Jugendlichen eine „New Virgin Army“ gebildet, ein neuer Jungfräulichkeitskult, und es gibt die romantischen „Greenlighter“, die nach anderen Phantasien und Abenteuern suchen als die vom Pornomarkt angebotenen. Gegen die Kapitalisierung der Lust reagieren aber vor allem die Künstler längst. Wenn sie der „lovesick society“ nicht ge-rade auf kritische oder ironisch affirmative Weise den Spiegel vorhalten wie in vielen offensiven performance- und Video- Künsten – denken Sie an Nan Goldin oder Jeff Koons - oder wunderbar absurde Negativ-Utopien sexualfreier Liebe entwerfen wie der „sexuelle Reaktionär“ Michel Houellebecq - so üben sich die Künste mehr und mehr in Verweigerung. Nehmen wir ein Beispiel aus der Nachbarschaft: in Bayreuth hat die reduktionistische Sichtweise auf das hochromantische Liebesproblem von Tristen und Isolde in der Neuinszenie-rung von Christoph Marthaler die Wagnerianer verprellt, die alle so gern an die Liebe glauben. Da wurden den übergroßen Liebes(klang)räuschen der Vergan-genheit unsere dürftigen Körper konfrontiert und damit war evident: Liebe fin-det im Kopf, in der Imagination statt, wir können sie hören, aber nicht sehen. In solchen und ähnlichen Verweigerungen, wie sie sich derzeit bei vielen minima-listisch angelegten Opern- und Theaterinszenierungen finden, werden auch Spiritualisierungstendenzen sichtbar. Die Zeitgeistdiagnostiker sprechen ohne-hin schon von einer „neuen Spiritualität“, einer neuen Frömmigkeit, die überall in den Erdteilen, auch im Westen, wieder an Bedeutung gewinne. Was vom po-litischen Einfluß her beunruhigend und demokratiefeindlich ist, dürfte in der ars amandi und ihren Überformungen in der Kunst zu begrüßen sein.

Der Traumcharakter der Liebe - statt ihres Tauschcharakters - kommt wieder ins Spiel, die Dimension der Ferne, das Irrationale, Rätselhafte, durch Körper-lichkeit nicht Auslotbare – wenn man will, ihre romantische Seite. „Wenn man liebt, geht es nicht ums Geschlecht“, hatte der französische Psychoanalytikers Jacques Lacan deutlich gemacht. In der Philosophie hat die spirituelle, geistige Liebe eine ganz eigene Linie. Sie zieht ihre Phänomenologie vom platonischen bis zum virtuellen Eros. Vom Symposion des Platon, auf dem Aristophanes und Sokrates ihre berühmten Definitionen des Eros geben – Eros als Suchen des zerrissenen Menschen nach seiner Ganzheit und Eros als dem Zeugen des Schönen – geht es zum christlichen Abendmahl, das Platons Gastmahl sym-bolisch überlagert. Das paulinische Konzept der christlichen Liebe, der Agape, der Caritas, der Liebe zum Nächsten siegt, das griechischen Ideal der Virilität wird durchs christliche Ideal der Virginität ersetzt. In diesem Zusammenhang erfuhr das Liebeskonzept eine bedeutsame ontologische Wende: es legte die Liebes-Bedürftigkeit des Menschen zugrunde, nicht seine Hochgefühle. Ein Dritter kommt ins Spiel, Gott, ein Drittes, die göttliche Liebe. Weder die Welt noch die Menschen können ohne die Liebe Gottes existieren. Die Liebe schwenkt ins Metaphysische, eine neue Liebesethik entsteht. Hand in Hand mit diesem Prozeß ging die Verleugnung, Verdrängung des Fleisches. Daß die damit verbundenen Traumatisierungen zu Gegenreaktionen provoziert haben, ist nicht verwunderlich. Als „gnostische Häresie“ bezeichnete Norbert Bolz jene Predigt der freien Liebe, des Sexus als Lebensmacht und der Erlösung von der Rationalität der Welt, die sich von Max Weber bis zu Wilhelm Reich und Ludwig Marcuse zieht, eine Wiederholung der Antike in der Moderne, deren Ausläufer bis in die sexuelle Revolution der linken 60er Jahre reichen. Nun die neueste Schleife - die Verlagerung des Eros ins Reich des Phantastischen mit Hilfe der neuen Technologien. Cybersex wird von einigen Theoretikern eben nicht nur als typisches Anzeichen eines Erfahrungsdefizits, als die Hilflosigkeit vor der Realität des Anderen gesehen, sondern als Verlagerung der Liebeslei-denschaft ins Imaginäre - in jenes Reich also, in dem sie immer schon zuhause war. Gegen Sex als dem fortwährenden „Wahn der Unmittelbarkeit“ setzt Cybersex „den romantischen Vorrang der Möglichkeit vor der Wirklichkeit auch in der Liebe durch“ (Norbert Bolz).

Durch all diese patterns schimmert die Figur von Franz Liszt, die die welthisto-rischen Schwankungen zwischen Fleisch und Geist in sich zu verkörpern scheint. Zumindest wissen wir von der lebenslangen Zerrissenheit dieses Ero-tikers zwischen irdischer und himmlischer, sinnlicher und geistiger Liebe. Seine „Liebesträume“ schillern immer: Wer ist gemeint, der Himmel oder die Frau? Die love stories des Virtuosen, seine Experimente in freier Liebe sind ebenso notorisch geworden wie seine hartnäckige Verfallenheit an die katho-lische Religion und ihr Sündenbewußtsein, sein Mystizismus in diesen Dingen, aber auch sein ganz reales Engagement für ein Wiederaufleben der Kirchen-musik. 1865 hat Franz Liszt in Rom die niederen Weihen empfangen, er wurde der Abbé Liszt, was seine erotische Empfänglichkeit aber nicht eingeschränkt hat. Der schwarze Rock, das Kloster - zugleich aber ein Apartment in der Villa d´Este. Abgeschiedenheit, Askese – und die junge Geliebte vor der Tür. Das soll ihm einer nachmachen... Unsere Aufführung der „via crucis“ – ursprüng-lich als Freiluftprozession an den Kreuzstationen vorbei mit tragbarer Orgel gedacht – möge uns vom geistlichen Franz Liszt und seiner Schmerzwollust erzählen, von der spirituellen Liebe als dem Begehren des Transzendenten.

Vor dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrungen und aktuellen Deu-tungen, im weiten Raum von geistlicher und sinnlicher Liebe und des Oszillie-rens ihrer Identitäten schwebend, wie Franz Liszt auch, im weiten Raum der Subjekt-Objekt-Projektionen, in den sich alle Formen von Wahn, Passion und Spleen, Ersatz und Irrtum, Verzweiflung und Verschmelzung, Ausschweifung und Kasteiung ergießen, sind nun die Veranstaltungen des Kunstfestes ange-siedelt - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Von den Formen, die die Imaginationen der Wollust in Bild, Film und Objekt annehmen können, vom göttlichen Marquis über die Venus im Pelz bis zu Björks Robotersex, erzählt die kleine Ausstellung „polymorph pervers“: wie der Name schon sagt. Einen ersten Sublimationsschock dagegen führen wir vor, wenn in der katholischen Kirche a cappella gesungen wird: das Hohelied, Lied der Lieder, Salomons orientalisch-sinnliche Liebesverse aus dem Alten Testament in seinen Vertonungen. In jahrhundertelangen Anstrengungen ha-ben die Kirchenväter versucht, die Sinnlichkeit daraus wegzuerklären, sie um-zudeuten auf die Liebe Christi zur Gemeinde und zur Gottesmutter Maria. Der Abbé Liszt hätte seine Freude an diesem fast nach new-age tönenden Konzert gehabt. Merkwürdig gut fügen sich in diesen gleichsam transzen-dentalen Rahmen unsere Nacht-Ragas, Indien ist die Heimat aller Liebeskunst und zu-gleich der spirituellen Übungen. Der berühmte Sarangi-Spieler Ram Narayam kommt mit seinen Musikern und verwandelt das Belvedere in einen Raum der Meditationen, am selben Abend erklingt Schuberts Streichquintett in C-Dur. Verbunden werden West und Ost in der Person des indischen Schrift-stellers Vikram Seth, der aus seinem Musikroman liest – aus dem Leben eines Geigers erzählt, der Schubert liebt. Ein zweites Mal verbunden werden Ost und West, Indien und die westliche Welt in der neuesten Tanzproduktion der belgi-schen Choreographin Anna Teresa de Keersmaeker: „Raga for the Rainy Season“ heißt das eine Stück, in dem ein Monsunregen, das große Weinen in der Natur, den kleinen Liebestränen einer Frau entsprechen, die auf den Geliebten wartet, der nicht kommt. In „A Love Supreme“ verarbeitet, vertanzt die Compagnie Rosas John Coltranes legendäres spirituelles Glaubensbekenntnis, das mit einer Ode an die göttliche Liebe endet.
Mit dem Thema des vergeblichen Wartens einer Frau auf den Geliebten sind wir einem Kernthema auf der Spur. In unserer Musiktheaterproduktion wartet wie-der eine vergeblich, diesmal eine englische Braut, Miss Donnithorne heißt sie. Die Hochzeit ist angesetzt, die Torte vorhanden, aber der Bräutigam kommt nicht und so wartet sie – neben der Torte – bis ans Ende ihrer Tage: eine waschechte englische Spleen-Story mit tieferer Bedeutung. Aber ist – um wie-der in die theologische Dimension zu wechseln – die Geschichte von Tancred und Clorinda nicht mindestens so verrückt? Der Kreuzritter erschlägt die Ge-liebte im Zweikampf – im Unterschied zu Miss Donnithorne jedoch vergibt ihm die Sarazenin und wechselt schnell noch den Glauben: „Mißverständnisse der Liebe" heißt die Koppelung der Komponisten Peter Maxwell Davies und Clau-dio Monteverdi. Die Legitimation für diese ungewöhnliche Zusammenstellung zweier verschiedener Zeiten und Welten holte sich das Kunstfest aus seinem Faible für den Transit zwischen Alt und Neu: Peter Maxwell Davies, ehemals enfant terrible der britischen Musikszene, war immer schon vernarrt in Monte-verdi und altitalienische Musikformen, hat diese in sein Schaffen integriert. Monteverdi dagegen wird von Steffen Schleiermacher und seinem Leipziger Ensemble neu instrumentiert: Man nähert sich einander im Binnenraum der Musik.
Und weil wir mit Tancred schon im heiligen Land sind: das heilige Land der Gitarre ist Spanien. Albéniz, de Falla und andere erklingen in einem Nacht-konzert, das der stupende Gitarrist, Virtuose, Gitarrenmusiker Eliot Fisk in Weimar gibt, in einem zweiten Konzert zeigt uns Fisk, was die zeitgenössi-schen Komponisten für dieses Instrument geschaffen haben: Luciano Berios „Sequenza“ zum Beispiel ist für Fisk geschrieben.
Wir nehmen den Faden der Zeitgenossenschaft auf: was haben die Jungen im Kopf? Von der geistlichen Liebe halten sie wohl nichts, von Subtilität, Abstrak-tion und zarten Mondstrahlen jedoch sehr viel. Bisweilen interessieren auch Gewaltaspekte, die Verdinglichung des Körpers in der Warenwelt - die Puppe wird Inspirationsquelle. Gleich zweimal kommt der Topos Puppe in dem Kon-zert des Berliner Musikers Enno Poppe und seinem Ensemble Mosaik vor. Liebe, Gewalt, Körper, Puppe: Fast ist man versucht, zu fragen: War die Ama-zonenkönigin Penthesilea vielleicht auch eine vom Liebeswahn gesteuerte Puppe? Gewalt jedenfalls ist wieder im Spiel zwischen ihr und Achill, nur kommt diesmal der Mann zuerst im Zweikampf der Geschlechter um, von der Frau aus Liebe zerfleischt. Wieder lag ein Liebesirrtum, ein Mißverständnis der Liebe der Raserei zugrunde. Wolfgang Rihm komponierte Penthesileas Schluß-monolog neu, ich bin neugierig auf die Tonsetzung jener berühmten Stelle, wo sich Penthesilea, in einer Metaphorik ohnegleichen, kraft ihres „vernichtenden Gefühls“, das sie zum Dolch schmiedet, den Tod gibt. Mit Kleist hatte die Mo-derne begonnen, und Wolfgang Rihm hat hier wieder einmal mit sicherem Griff einen Text gefunden, der seinem expressiven Komponieren entspricht. Um uns aber von der „Nacht in uns“, wie Foucault gesagt hätte, zu erholen, kehren wir kurz in gesittete Verhältnisse zurück, zu Goethe :„Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ heißt es in einem anderen berühmten Schlußpassus, das Irdische ins Geistige hebend: Chorus mysticus aus „Faust“ Zweiter Teil, gesungen – nein, in verschwebendes Legato gebracht von einer Tenorstimme in Franz Liszts „Faust-Symphonie“ - Goethes Geburtstag. Die Musik nimmt den Faden der Dichtung auf, aus Goethe wird Liszt, aus Klassik Romantik, aus alt wird neu. Eigentlich ist das sphärische Adagietto aus Mahlers Fünfter, das von der Liebe des Komponisten zur femme fatale Alma Mahler inspiriert ist und das wir zu einem früheren Zeitpunkt des Festivals, in Kombination mit Rihms „Penthe-silea“ hörten, ein Weiterspinnen, Weitertönen von Goethes philosophischem Entwurf. Mahler war ein großer Goetheverehrer, hat bekanntlich selber den Schluß von Faust II in seiner Achten Symphonie vertont.

„Liebe träumt sich in jede Wüste Elysium“ könnte man mit und über Gustav Mahler sagen, aber diese klaren Worte sind von Friedrich Schiller. 2005 ist Schillerjahr. Um sich von dieser Domäne der Stiftung abzugrenzen, nimmt das Kunstfest jedoch nur einen strikt themenbezogenen Beitrag über Schiller ins Programm . Ein Vortrag des nach Wien ausgewanderten Ex-Weimarers und Literaturwissenschaftlers Reinhard Urbach geht der Frage nach, warum Schiller mit gar einem solchen rhetorischen Enthusiasmus, in gar so besin-nungslosen Tiraden das Gemetzel an Frauen beschreibt – vollzogen durch den Bräutigam, Ehemann, Liebhaber und erst später politisch motiviert. Sind das Wunscherfüllungen? Stecken traumatische Erfahrungen dahinter? „Ich liebte – jetzt bin ich erwacht“ sagt Don Carlos – sehr merkwürdig. Aber die Literatur hat es ja leicht: sie kann die Liebespassionen aussprechen, ins Wort bringen. Das Reden über die Liebe bringt nicht nur die Liebe in Schwung, das Reden über die Liebe ist fast schon die Liebe selbst: „Parlez-moi d´amour“ heißt die literarische Collage, die der Wiener Universalgeist Franz Schuh zusammenge-stellt hat, gesprochen von Susanne Lothar und August Zirner. In dieser klugen und gewitzten Literatur-Matinée artikulieren Nietzsche und Botho Strauß den Todhaß der Geschlechter, das „Fragen-Entsetzen: wer bist du?“, die Vereini-gungsbemühungen der Geschlechter findet in Stendhal ihren feinsten Analy-tiker, bei Proust zeigen sich die Gefühle in Reinkultur, denn die Gesellschaft, die er zeigt, arbeitet nicht - nie wieder gibt es solche präzisen Schilderungen der Eifersucht wie im Proustschen Biotop. Für die österreichische Nobel-preisträgerin Elfriede Jelinek dagegen ist die Liebe gesellschaftlich sehr real, ein Ideologem, das hilft, die Frauen zu disziplinieren. Gegen die „echten“ Untaten und Morde, aus Liebe geschehen, von denen Franz Schuh aus Zei-tungsausschnitten weiß, gibt es aber auch tröstliche Passagen aus Klassiker-feder. Wenig Tröstliches wiederum wird eine Literaturveranstaltung zu Tage fördern, wenn es sich um die Vereinigung zweier vierzig Jahre lang getrennter Gesellschaften dreht: Ostdeutschland, Westdeutschland. Franz Schuh und Thomas Brussig reden darüber in ihrer Diskussion des Nachwende Romans von Thomas Brussig „Wie es leuchtet“.
Damit begeben wir uns ins Soziale, in die sozialen Realitäten – damit aber auch in die sozialen Wunschwelten und Kompensationen.
Die sozialen Randgestalten, die in unserem jungen Theatergastspiel aus Mün-chen „Trainspotting“ zu Wort kommen - zum four-letter-word - reden noch über die Liebe, aber sie sind einen Schritt weiter, sind der nächststärkeren Droge verfallen. Mit Hilfe der Chemie katapultieren sie sich in jene Regionen, die nur noch dem Bereich des Imaginären zugehören und aus dieser Sucht – chemisch der Liebessucht verwandt – ist oft kein Ausstieg mehr möglich. Daran sterben sie dann mitunter: Liebe in Zeiten der sozialen Verwahrlosung, Liebe in Sprit-zen – und Pulverform, künstlerisch nicht mehr produktiv umzuwandeln wie noch die Liebesträume der anderen Jahrhunderte. Die Droge ist jener Stoff, in dem der Ich-Genuß sich verselbständigt. Der Andere existiert nicht mehr, das Projektionsspiel ist am Ende.

Stichwort Projektionsspiel. Wir kehren nach Weimar zurück, zur Projektions-fläche Weimar. Die zwei Großausstellungen im Rahmen des Kunstfestes sind von sehr verschiedener Natur. Rückblick die eine, Blick voraus die andere. Beim Gastspiel der Alten Nationalgalerie und des Kupferstichkabinetts Berlin wird von der „Erotik der Linie“ erzählt , mit Peter Cornelius und Pablo Picasso werden zwei sehr verschiedene Rezeptionen der klassischen Mythologien vor-gestellt - hier der Klassizist und Nazarener Cornelius mit seinen riesenhaften Kohlestiftzeichnungen, dort die sinnlich suggestive Moderne Picassos in Ra-dierungen, Lithographien, Linolschnitten, hier edle Einfalt und stille Größe, dort das eigenwillige, kraftvolle und ironische Aneignen der alten Modelle, vor dem Hintergrund Weimar von besonderem Reiz. Die andere Ausstellung, ein Gastspiel des ZKM Karlsruhe, knüpft an jene Moderne-Bewegung an, die nach dem Ersten Weltkrieg in Weimar entstand und Mitte der Zwanziger Jahre ver-trieben wurde, die Bauhaus-Moderne. Dementsprechend der Titel dieser Aus-stellung: „ Das digitale Bauhaus“. Während wir im Neuen Museum die Projek-tionen des klassisch-antiken Gestaltenfundus, seiner Götter und Helden, Nymphen und Faune in die Gegenwart des 19. Jahrhunderts und in die Jahre nach 1920 erleben, präsentieren sich in Van-de-Veldes Bauhaus-Gebäude Vi-sionen der Zukunft in der Verbindung von Kunst und neuesten Bild- und Ton-technolgien, Meisterwerke der Medienkunst aus der der Sammlung der heute wohl berühmtesten Produktions- wie Forschungsstätte in Karlsruhe. In Anspie-lung auf die Anfänge zeigen wir im gleichen Gebäude die „Farbenlichtspiele“ des Bauhauskünstlers Ludwig Hirschfeld-Mack in einer live-performance sei-nes rekonstruierten Lichtapparates – wahrhaft und wörtlich Projektionen - , in Anspielung auf Liszts „Liebesträume“ die eine Video-Installation der Künstlerin Naomi Tereza Salmon. In ihren Grenzgängen zwischen Privatheit und Öffent-lichkeit werden die Codierungen von Intimität neu befragt: Sind ausgestellte, beobachtete, medial veräußerte Gefühle aber nicht die Fortschreibung jenes vom Erfüllungsgedanken besessenen „Wahnes der Unmittelbarkeit“, gegen den die romantische Liebe mit allen ihren Inszenierungen der Ferne und des Imaginären angetreten ist? Die Unmittelbarkeit ist immer Täuschung, Enttäu-schung wollte Franz Liszt uns mit seinen „Liebesträumen “ sagen. Der träume-rische Zustand ist der wahrhaft erotische und - Sokrates hatte recht - der wahr-haft schöpferische, produktive. Seit altersher gedeihen Kunst und Liebe im Clairobscure. Nach reiflicher Überlegung möchte ich deshalb das Fragezeichen hinter dem Titel meines Vortrags, das Fragezeichen hinter „Liebesträume?“ umwandeln in ein imperatives Ausrufezeichen.

Meine Damen und Herren – „love is in the air“ - ich möchte mich verabschie-den für den heutigen Vormittag und wünsche Ihnen und uns allen ein anregen-des, schönes Kunstfest Weimar 2005. Bevor ich dem ungarischen Pianisten Dénes Várjon das Feld überlasse für Franz Liszts „Années de pèlerinage“ zwei-ter Teil, die Wallfahrt ins Kunstland Italien, möchte ich der majoritären Weib-lichkeit des Mitarbeiterstabes des Kunstfestes ausdrücklich Dank sagen - namentlich der Geschäftsführerin Franziska Gräfin zu Castell-Castell, die sich sicher und elegant durch die organisatorischen , finanzverwaltungstechni-schen und sponsorenerhebenden Details dieses Höllenjobs bewegt, besonde-rer Dank auch an die künstlerischen Koordinatorin, an die „Neue“, die sich erst einarbeiten mußte und dies bravourös getan hat - Barbara Gräfin Schwerin von Krosigk, Dank an diejenige, die die Projektleitung der Ausstellungen und alles, was weimarlastig ist, glänzend wahrnimmt, - Franka Günther, Dank vor allem auch an Blanka Weber, die für Öffentlichkeitsarbeit und Presse verantwortlich ist, Dank an den neuen technischen Direktor Andrian Hollenberg aus Berlin, der uns mit gewaltigem Know-How hilft - und herzlichen Dank an alle über-stundenfreudigen Assistentinnen und Assistenten. Und nun, mit Franz Liszt nach Italien!